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„Der große alte Mann von Gaza“
Zum Tod von Haidar Abdel Shafi
von Alexandra Senfft
“Die Palästinenser vertrauen ihm wegen seines gesunden Urteilsvermögens, seiner Zugänglichkeit für alle Klagen und Ansichten und vor allem wegen seines politischen Standpunkts, seiner offenen Kritik an den Osloer Abkommen und der neuen palästinensischen Autonomiebehörde“. So fasste die israelische Journalistin Amira Hass die Stärken von Haidar Abdel Shafi 2003 in ihrem Buch „Gaza“ zusammen. Er gehörte zu den geschätztesten Persönlichkeiten der palästinensischen Gebiete. „Doktor Haidar“, wie seine Freunde und Anhänger den Arzt und Politiker hochachtungsvoll nannten, verkörperte die palästinensische Geschichte des vergangenen Jahrhunderts, angefangen mit dem Ende der osmanischen Besatzung Palästinas bis zum Scheitern der Friedensgespräche mit den Israelis. Er vertrat diese palästinensische Geschichte stets mit Würde und Anstand. Zeit seines Lebens war er seinem Geburtsort, dem Gazastreifen, treu geblieben. Er kam dort 1919 als eines von sechs Kindern in einer alt eingesessenen Familie zur Welt, sein Vater vertrat den Hohen Islamischen Rat. Als junger Mann verließ Abdel Shafi seine Heimat einige Jahre, um im Libanon und in den USA Medizin zu studieren. Spätestens seit dem ersten arabisch-israelischen Krieg war er politisch aktiv und engagierte sich für die gesundheitlichen und sozialen Belange der Palästinenser. 1947 gehörte er dennoch zu den wenigen, die dem Teilungsplan der Vereinten Nationen zustimmten, „ein Standpunkt, den außer ihm nur noch die Kommunistische Partei Palästinas vertrat“, so Hass. Schon früh war ihm klar, dass die Juden im Land bleiben würden, und er akzeptierte dies als Tatsache. Später würde er im engeren Freundeskreis gelegentlich erzählen, welch freundlichen Umgang seine Familie während seiner Kindheit und Jugend mit den jüdischen Nachbarn in Palästina pflegte. Auch im Alter ging er weiter mit Juden und Israelis um. Koexistenz hatte er von früh an als positiv erfahren und er setzte sich öffentlich dafür ein - lange, bevor seine und die israelische Gesellschaft diesen Schritt überhaupt in Erwägung zogen. Abdel Shafi hatte einen unbeugsamen Geist: Er war gegen Gewalt, vertrat jedoch die Ansicht, dass die Palästinenser für ihre Rechte kämpfen müssten. Selbstmordattentate verurteilte er. Er war einer der Gründer der PLO, distanzierte sich jedoch schon bald davon, denn er bewahrte lieber seine eigenen, unabhängigen Standpunkte. Derweil arbeitete er bereits als Arzt im Krankenhaus der Stadt Gaza und in seiner eigenen Praxis. 1957 hatte er Huda Khalidi geheiratet, nach und nach kamen ihre vier Kinder zur Welt. Schon in den 60er Jahren nahm er kein Blatt vor den Mund, sein Widerstand gegen die israelische Besatzung führte dazu, dass Moshe Dayan ihn zweimal für längere Phasen des Landes verwies. 1972 gründete er den Palästinensischen Roten Halbmond - das arabische Gegenstück zum Roten Kreuz - dessen Direktor er fortan blieb. Als ich Haidar Abdel Shafi kennen lernte, war die erste Intifada bereits auf ihrem Höhepunkt. Mir imponierten seine klare, konsequente Haltung, seine ausgewogene, unpolemische Art des Formulierens und seine Offenheit. Dazu kamen noch ein ordentlicher Schuss Selbstironie sowie eine Weltläufigkeit, die Toleranz mit sich brachte. Mit einem verschmitzten Lächeln war er immer zu einem Scherz aufgelegt, an Humor mangelte es ihm bei aller Ernsthaftigkeit nicht. Der engagierte Mediziner vermittelte zwischen den zerstrittenen palästinensischen Fraktionen, und fast täglich empfing er in seinem Haus Menschen, die um seine Hilfe baten; auch für Kleinigkeiten hatte er meist ein offenes Ohr. 1988 trat er mit Hanan Ashrawi und Sa’eb Erekat beim Fernsehsender ABC vor die Kamera, um die israelische und die westliche Öffentlichkeit anzusprechen und ihnen die palästinensischen Belange verständlich zu machen. 1991 war ein bewegender Moment, als Abdel Shafi die palästinensische Delegation bei der Eröffnung der Friedensgespräche leitete. „In Madrid beginnen wir die Suche nach Frieden“, sagte er in seiner legendären Rede, die um die ganze Welt ging – „die Suche danach, die Unantastbarkeit menschlichen Lebens ins Zentrum unserer Welt zu stellen, unsere Energien und Ressourcen umzulenken von der gegenseitigen Zerstörung auf gemeinsamen Wohlstand, Fortschritt und Glück... Wir wenden uns an die Israelis, mit denen wir schon so lange schmerzhafte Erfahrungen teilen: Lasst uns stattdessen hoffen. Wir sind bereit, Seite an Seite mit euch auf demselben Land zu leben und das Versprechen der Zukunft zu teilen. Teilen erfordert allerdings zwei Seiten, die bereit sind, sich als Partner auf gleicher Augenhöhe zu begegnen.“ Bis 1993 leitete Abdel Shafi die palästinensische Delegation durch die Verhandlungen in Washington. Dann legte er diese Verantwortung ab: Seiner Ansicht nach war das Kräfteverhältnis zwischen Israelis und Palästinensern zu unausgewogen und wurde durch die amerikanischen Vermittler eher noch weiter zugunsten der israelischen Seite verschoben. Vor allem aber kritisierte er den unverminderten, ja geradezu forcierten Bau jüdischer Siedlungen auf palästinensischem Boden – sie seien ein Verstoß gegen die Verhandlungsvereinbarungen und nicht dazu geeignet, Vertrauen oder gar Frieden zu schaffen. Abdel Shafi trat drei Jahre später dem Palästinensischen Legislativrat bei – er bekam mehr Stimmen als jeder andere Kandidat. Er ruhte nicht, um die Schwächen der Osloer Abkommen und die mangelnde Durchsetzungskraft des Palästinensischen Nationalrats zu kritisieren. Mit Palästinenserpräsident Jassir Arafat geriet er aneinander, weil er dessen undemokratischen Führungsstil, die Korruption im System und den vermeintlichen Ausverkauf der palästinensischen Rechte thematisierte. Im Gegensatz zu anderen Kritikern wagte Arafat nie, Abdel Shafi zu sanktionieren, verhören oder verhaften zu lassen: Er war zu populär in Gaza, viele meinten gar, er hätte das Zeug zum Präsidenten gehabt. Nachdem er 1998 sein Amt niedergelegt hatte, konzentrierte er sich darauf, zwischen den verfeindeten palästinensischen Strömungen zu vermitteln, um eine nationale Einheit herzustellen. Obwohl er nicht religiös war, respektierten ihn sogar die Anhänger von Hamas und anderer islamistischer Fraktionen. So lange seine Kräfte reichten, setzte er sich für einen Ausgleich mit den Israelis ein, doch realistisch wie er war, hatte er schon früher als andere den Zusammenbruch der Gespräche vorausgesehen. Wenn er die Hoffnung auf einen palästinensischen Staat aufgegeben hatte und das Chaos kommen sah, so ließ er sich das nicht anmerken. Mitunter war jedoch zu spüren, wie sehr ihn die Entwicklungen bedrückten. Bescheiden wie er war, hielt er sich trotz vieler Veröffentlichungsangebote als Person nie für wichtig genug, um sein ungewöhnliches, politisches Leben in Buchform zu bringen. Dabei hätte gerade die jüngere Generation durch ihn viel von der palästinensischen Geschichte begreifen und von seinem demokratischen Ansatz, mit dem er nach einer friedlichen Koexistenz Palästinas an der Seite Israels strebte, lernen können. So bleibt uns allein die Erinnerung an einen, der dem isolierten Gazastreifen wie kein anderer ein Gesicht und den Palästinensern eine wichtige Stimme gab. „Der große alte Mann von Gaza“, Haidar Abdel Shafi, ist nach einem schweren Krebsleiden in der Nacht zum 25. September im engen Kreis seiner Familie gestorben.
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Vom diAk herausgegebene Vierteljahresschrift

Die kleine Geschichte des israelisch-palästinensichen Konfliktes
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