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Ungewisse Zukunft von Juden und Arabern in Israel?
Neve Shalom / Wahat al-Salam: Eine Vision
Dr. Nihaya Daoud
Vortrag bei der Jahrestagung der Freunde von Neve Shalom/Wahat al-Salam
vom 12. – 14.10.2007 in Königswinter
Zunächst einmal möchte ich mich aufrichtig bei den deutschen Freunden von NSh/WaS für die Einladung bedanken, hier zu Ihnen zu sprechen. Ich freue mich sehr darüber, hier über den Status der Palästinenser in Israel referieren zu können und Ihnen von einigen Erfahrungen bei der Erarbeitung eines bedeutsamen Dokuments zu berichten, das eine Zukunftsvision unserer (palästinensisch-arabischen) Gemeinschaft (in Israel)entwirft.
Hier und heute werde ich mich dabei auf das Verhältnis zwischen Juden und Arabern in Israel beschränken, wie es in dem Dokument beschrieben ist. Anschließend werde ich Ihnen darstellen, in wiefern das Wesen unseres Dorfes NSh/WaS zusammenpasst mit Anschauungen und Grundsätzen, die in dem Dokument „Zukunftsvision der palästinensischen Araber in Israel“ artikuliert werden – in wiefern es sogar Modell für die arabisch-jüdischen Beziehungen in ganz Israel werden kann.
Eine Anmerkung noch, bevor ich fortfahre: Wenn ich mich hier v.a. auf die arabisch-jüdischen Beziehungen konzentriere, so bedeutet dies nicht, dass ich etwa den andauernden Konflikt zwischen Israelis und den auf der anderen Seite der „Grenze“, der Westbank und dem Gazastreifen, lebenden Palästinensern marginalisiere. Mir ist bewusst, dass ich dabei nur einen Aspekt des israelisch-palästinensischen Konflikts beleuchte: den Teil, der den politischen Status der Palästinenser in Israel betrifft. Ich muss diese Vorbemerkung machen, weil wir, die palästinensischen Bürger Israels, uns als integralen Teil des palästinensischen Volkes betrachten. In Folge der tragischen historischen Ereignisse während der Naqba (der Katastrophe) 1948 wurden wir jedoch eine Minderheit in unserer Heimat und fanden uns wenig später in der Situation von Bürgern Israels zweiter Klasse vor.
Die Naqba hatte tiefgreifende Auswirkungen auf die ökonomische und soziale Struktur unserer Gesellschaft. Dörfer wurden zerstört, Menschen wurden vertrieben und Familienmitglieder wurden voneinander getrennt. Massive Enteignung von Land, welches Haupteinnahmequelle vieler Familien war, durch aufeinander folgende israelische Regierungen hatten drastische strukturelle ökonomische Verschiebungen zur Folge. Die Gesellschaft wurde von einer Agrargesellschaft in eine halb-industriell geprägte Gesellschaft transformiert mit daraus resultierenden sozialen Verwerfungen; einige Gesellschaftsschichten
verschwanden, andere entstanden. Diese ökonomischen Entwicklungen veränderten das kollektive Mosaik unserer Gesellschaft, unsere Gefühle gegenüber unserer Heimat und unsere Identität. Die Familienstruktur wurde ebenfalls beschädigt, Individualismus trat in den Vordergrund, die Gruppe verlor an Bedeutung, was weitere Folgen hatte für unser ‚soziales Kapital’, unseren sozialen Zusammenhalt und die sozialen Netzwerke in unserer Gesellschaft.
Seit der Gründung des Staates Israel haben die israelischen Regierungen meiner Bevölkerungsgruppe grundlegende Rechte verweigert, auch das Recht auf Selbstbestimmung. Wir sind in vielen Lebensbereichen mit struktureller Diskriminierung konfrontiert, die bereits bei der Gesetzgebung beginnt; obwohl Israel eine Demokratie ist und wir 10 arabischen Parlamentsabgeordnete haben, spielen diese Abgeordneten kaum eine Rolle in Regierungskoalitionen, und unsere Möglichkeit, als Gruppe die Gesetzgebung zu beeinflussen, ist minimal. Nur 5% der Positionen bei Behörden und in der Regierung sind mit palästinensischen Israelis besetzt, das ist viel weniger als es unserem Anteil an der israelischen Bevölkerung entspricht (ca. 20%). Unser Bildungssystem wird von den jüdischen Beamten des Bildungsministeriums dominiert, und unsere Kinder gehen auf separate Schulen, welche finanziell strukturell benachteiligt werden und eine schlechtere Infrastruktur haben als die jüdischen Schulen. Unsere ökonomische Entwicklung ist vollständig abhängig vom jüdischen Markt. Der höchst begrenzte im ethnischen Sinne arabische Markt wird fortwährend durch Isolierung beengt, was besonders ausgeprägt ist, wann immer es politische Unruhen gibt, z.B. nach den Ereignissen Im Oktober 2000, als viele jüdische Israelis – aus welchem Grund auch immer – überhaupt keine arabischen Geschäfte mehr aufsuchten.
Darüber hinaus ist auch unsere kulturelle Entwicklung seit der Staatsgründung Israels behindert worden. Kontakt zu Arabern in Nachbarstaaten war verboten, weil er als „Feindkontakt“ definiert wurde; dies isolierte uns von unserer kulturellem Umgebung und deren Inspiration. Ferner wird nach wie vor jeden Tag das Recht der palästinensischen Bürger Israels auf gleiche Wohnqualität verletzt, und zwar durch Gesetze und Vorschriften, welche die fortschreitende Enteignung von Boden der arabischen Bürger ebenso wie die Zerstörung ihrer Häusern legitimieren und erlauben.
Die Folgen dieser Politik und dieser Maßnahmen sind detailliert dokumentiert; sie verweisen unsere Bevölkerungsgruppe in sämtlichen Lebensbereichen auf einen minderwertigen Status. Obwohl wir ca. 1/5 der Bevölkerung stellen, sind 50% aller in Armut lebender Kinder in Israel Araber. Etwa die Hälfte der palästinensischen Familien in Israel lebt unter der Armutsgrenze. 40% unserer Bevölkerungsgruppe haben einen schlechteren Bildungsabschluss als das Abitur. Die Arbeitslosigkeit ist in den arabischen Gemeinden viel höher, und dies hat natürlich auch Auswirkungen auf den Gesundheitszustand. Daten der Regierung selbst und zahlreiche Umfragen offenbaren unter den Palästinensern einen niedrigeren Gesundheitsindex als unter den Juden in Israel.
All dies müssen Sie wissen, um die Anstrengungen verstehen zu können, welche die Erarbeitung der „Zukunftsvision“ erforderte, mit der wir uns hier und heute befassen. Obwohl das Projekt der „Zukunftsvision“ erst seit ungefähr drei Jahren läuft, hat es weit zurück reichende Wurzeln.
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Aus dem Wunsch heraus, etwas gegen die Unterordnung zu unternehmen, schlug der Vorsitzende des „Supreme Arab Fellow-up Committee“ in Israel, Shawki Khatib, eine Initiative vor, die in einem gemeinsamen Dokument die Vorstellungen der palästinensischen Bevölkerungsgruppe über ihre Beziehungen zum Staat Israel und ihre Forderungen für eine Verbesserung der Verhältnisse zusammenfassen sollte. 2005 – 2006 lud Herr Khatib etwa 40 prominente palästinensische Fachleute, unter ihnen Führungspersönlichkeiten aus den Kommunen, Wissenschaftler und andere ein, sich zusammen zu tun und gemeinsam „Die Zukunftsvision der palästinensischen Araber in Israel“ zu erarbeiten. Diese Gruppe umfasst ein breites politisches Spektrum, und daher kann – obwohl es auch Meinungsverschiedenheiten über verschiedene Abschnitte oder Komponenten des Gesamtdokuments gab – die publizierte Version der „Zukunftsvision“ durchaus als repräsentative Stimme der Palästinenser in Israel verstanden werden.
Im Dezember 2006 veröffentlicht, bedeutet dies Dokument eine wichtige Zäsur in den jüdisch-arabischen Beziehungen im Staat Israel. Zum aller ersten Mal spricht die Minderheit für sich selbst, aus eigenem Antrieb heraus, um der Mehrheit mitzuteilen, wie Palästinenser ihre politische Lage in Israel wahrnehmen, und um zu formulieren, wie sie die politische Struktur und das politische System in Israel sehen. Die Minderheit hat eine umfassende Bestandsaufnahme ihrer Situation in den verschiedenen Lebensbereichen vorgelegt und vertritt ihre eigenen Sichtweisen, Alternativen und Forderungen – und sie tut dies unter Einhaltung des Rechts und auf der Basis der israelischen Staatsbürgerschaft.
Mit der Vorstellung eines binationalen Staates als Lösung für den israelisch-arabischen Konflikt im Kopf, erkennen die Palästinenser in Israel zum ersten Mal in der Geschichte des Staates Israel die Existenz dieses Staates an und akzeptieren das jüdische Recht auf kollektive Selbstbestimmung.
Die „Zukunftsvision“ beginnt mit einer Selbst-Definition der Palästinenser in Israel, die festhält: „Wir, die palästinensischen Araber in Israel, sind die Ureinwohner unseres Heimatlandes, Einwohner des Staates Israel, und ein integraler Teil des palästinensischen Volkes sowie der arabisch-muslimischen und der internationalen Gemeinschaft.“ Diese Definition wurde nach langen und intensiven Diskussionen gefunden, deren Ziel es war, unseren Status als kollektive Gemeinschaft zu beschreiben, nicht nur im Kontext unserer Geschichte sondern auch im Kontext der Gegenwart und der Zukunft.
Im Anschluss an diese Definition folgen in der „Zukunftsvision“ drei wesentliche Bereiche, die das Leben der palästinensischen Gemeinschaft in Israel betreffen: • Die politische Lage und der juristische Status der Palästinenser in Israel • Praktische Vorschläge für die Zukunft verschiedener lebenswichtiger Lebensbereiche (Landbesitz, Bildung, sozio-ökonomischer Status und kulturelle Entwicklung). • Institutionelle und politische Arbeit innerhalb der arabischen Gesellschaft und deren Beziehungen zur internationalen Gemeinschaft.
Im Anschluss möchte ich diese drei Bereiche kurz skizzieren.
Der politische und juristische Status der Palästinenser in Israel
Dieser Abschnitt beschreibt und analysiert die Beziehung zwischen der arabischen Bevölkerungsgruppe und dem Staat Israel; er kommt zu dem Ergebnis, dass, obwohl Israel ein demokratischer Staat ist, der ethnokratische Charakter dieser Demokratie die Bedürfnisse der palästinensischen Bürger Israels nach politischer Integration und politischer Beteiligung weder garantieren, noch schützen oder erhalten kann.
Trotz und mit ihrer arabisch-palästinensischen Identität haben die Palästinenser in Israel ein grundlegendes und dringendes Bedürfnis, ihre vollen Bürgerrechte gegenüber dem Staat und seinen Institutionen weiter zu entwickeln. Palästinenser erhoffen sich ferner institutionelle Selbstverwaltung in den Bereichen Bildung, Kultur und Religion – eine zentrale Komponente für die Weiterentwicklung ihrer Gleichheit als Bürger des israelischen Staates. Die Art der gewünschten Selbstverwaltung beruht auf einem als „consociational democracy“ bezeichneten Ansatz. Dieser Ansatz erkennt die Anwesenheit von zwei nationalen Gruppen, der jüdischen und der palästinensischen, an; er kann unsere Bevölkerungsgruppe in die Lage versetzen, bei Entscheidungen mitzusprechen, die sie betreffen. Wir möchten funktionierende Gleichheit und Partnerschaft auf nationaler, kollektiver Ebene erreichen, welche auf den Prinzipien der gegenseitigen Gleichberechtigung und Partnerschaft aufbauen.
Die Forderung nach Entwicklung hin zu einer solchen „consociational democracy“ meint nicht nur die Forderung nach Gleichheit vor dem Gesetz und gleichen Bürgerrechten für den Einzelnen sondern auch die Forderung nach für die ganze Bevölkerungsgruppe geltenden „kollektiven Rechten“, die zu einem multinationalen Staat führen würden. Ein solcher Staat würde beispielsweise Juden wie Arabern Autonomie hinsichtlich so wichtiger Bereiche wie Religion und Bildung gewähren; er würde jeder Gruppe ein Vetorecht im Hinblick auf Gesetze einräumen, welche jene Rechte beschädigen könnten; und er würde Staatssymbole haben wie eine Flagge und eine Nationalhymne, welche die Bürger stärker integrieren (als es die derzeit gültigen tun).
Dies würde konsequenterweise auch bedeuten, Gesetze zu verabschieden, die innerhalb der „consociational democracy“ eine faire Verteilung der staatlichen Ressourcen – also „Verteilungsgerechtigkeit“ – zwischen den arabischen und den jüdischen Bürgern innerhalb der „consociational democracy“ garantieren.
Ich sollte hier anmerken, dass eine Vereinbarung über ein auf einer „consociational democracy“ basierendes politisches System voraussetzt, dass Israel seine historische Verantwortung für die Tragödie der Naqba und dass es uns als kollektive nationale Gruppe anerkennt, also als gleichberechtigten Partner in diesem Land. Ein solcher Prozess hat ein neues Verhältnis zwischen den beiden nationalen Gruppen zur Folge, das beide Gruppen in die Lage versetzt, wechselseitig ihre Rechte und Pflichten in diesem Land anzuerkennen. Möglicherweise wäre ein Element in diesem neuen Bild eine Kompensation für den verlorenen Boden der 30% Palästinenser, die vertrieben wurden, und für die Verluste, welche die gesamte palästinensische Bevölkerungsgruppe wegen ökonomischer Ungleichbehandlung („segregation“) erlitten hat. Eine Kompensationsmöglichkeit wäre zum Beispiel die Einrichtung eines speziellen Bildungsfonds für junge Araber, die an einer Universität studieren möchten, dies jedoch aus finanziellen Gründen nicht tun können. (Ich bin nicht der Ansicht, dass Kompensation für verlorenes Land individuell erfolgen sollte – obwohl mein Mann und ich, würde dies so gehandhabt, dadurch reich würden, weil unsere beiden Familien durch Vertreibung aus ihren Heimatdörfern und durch die Zerstörung dieser Dörfer nach der Gründung des Staates Israel 1948 und 1951 sehr viel Land verloren haben.)
Praktische Vorschläge zu verschiedenen Lebensbereichen
Im Folgenden möchte ich über Vorschläge in der „Zukunftsvision“ zur Zukunft verschiedener Lebensbereiche berichten, über ...
• Landbesitz, Landnutzung und Wohnraumpolitik • ökonomische Entwicklung • soziale Entwicklung • zukünftige Bildung und diesbezügliche strategische Planung und • kulturelle Entwicklung
Landbesitz, Landnutzung und Wohnraumpolitik
Zu diesem Thema stellt das Dokument fest, dass jede Fortentwicklung israelischer Bodennutzung und Nutzungsplanung von der Anerkennung der Tatsache ausgehen muss, dass die palästinensische Minderheit in der Vergangenheit unterdrückt worden ist. Danach schlägt das Dokument eine Aufhebung aller Gesetze für die Enteignung von Grund und Boden vor, die die arabische Minderheit benachteiligen: „Die Grenzen und die Zuweisung von israelischem Grund und Boden müssen sich nach der Staatsangehörigkeit richten, nicht nach der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk.“ Dementsprechend sollte es eine Reform der israelischen Institutionen geben, die für die Bereiche Landnutzungsplanung und Wohnraum zuständig sind; die geografischen Grenzen für die Rechtsprechung der arabischen Dörfer und Städte sollte ausgeweitet werden, sodass Gebiete, die derzeit noch als staatlich ausgewiesen sind, unter arabische juristische Zuständigkeit fallen.
Ökonomische Entwicklung
Der Abschnitt über die ökonomische Entwicklung mahnt eine umfassende strukturelle gesellschaftliche Umgestaltung an, welche echte Parität für Lebensbedingungen der Minderheit mit einschließt. Volle soziale und ökonomische Gleichberechtigung mit der Mehrheit soll erreicht werden. Der Text macht klar, dass wir die institutionalisierte ökonomische Abhängigkeit, unter der die palästinensischen Araber leiden, ablehnen, und tritt dafür ein, die Araber (Israels) vollständig in den israelischen Arbeitsmarkt einzubeziehen. Wir möchten auf dem Binnenmarkt einen ökonomischen Impuls und ökonomischen Fortschritt erreichen, um die arabische Gesellschaft von der Abhängigkeit auf dem israelischen Markt zu befreien, sodass mehr Beschäftigungschancen entstehen.
Soziale Entwicklung
Im sozialen Bereich möchte die „Zukunftsvision“ zu einer stabilen, herzlichen Atmosphäre beitragen, welche zu Solidarität, sozialem Zusammenhalt und Gleichberechtigung führt. Dadurch soll der Einzelne in die Lage versetzt werden, ein besseres Leben zu führen und zugleich ein Gleichgewicht zwischen individuellen und kollektiven Interessen herzustellen, d.h. auch die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und eine Verbesserung des Status von Frauen zu erhalten.
Zukünftige Bildung und diesbezügliche strategische Planung
Dieser Abschnitt der „Zukunftsvision“ richtet die Aufmerksamkeit auf die Bildungsrechte der Palästinenser in Israel (als Ureinwohner in ihrer Heimat), d.h. aber auch auf die Selbstverwaltung des Bildungssystems und die Selbstbestimmung in der Bildungspolitik. Die arabischen Lehrpläne brauchen klare Bildungsziele und –strategien, welche die kulturelle Weiterentwicklung berücksichtigen und eine weit gehende Einübung neuer Technologien einschließen. Beispielsweise dürfte der Unterricht über palästinensische Geschichte und die Naqba zukünftig nicht, wie es heute noch der Fall ist, in arabischen Schulen verboten sein. Schließlich betont die „Zukunftsvision“ die Notwendigkeit gleicher Behandlung bei den Budgets und den Investitionen in die Infrastruktur arabischer Schulen.
Kulturelle Entwicklung
Zur kulturellen Entwicklung sagt die „Zukunftsvision“: „Die Palästinenser in Israel sind ein integraler Teil dieses Landes, welches ihr (kollektives) Bewusstsein, ihre Sprache und ihre Identität hervorgebracht hat und prägt. Das Land ist anwesend, wo immer kreative Palästinenser zusammen kommen. Das Zugehörigkeitsgefühl zu diesem Land hat immer noch und auch weiterhin hohe Priorität in der nationalen, kulturellen und gesellschaftlichen („civilized“) Identität.“ Deshalb schlägt das Dokument die Schaffung eines gesellschaftlich hoch-angesiedelten „Kulturrates“ vor, welcher angemessene Rahmenbedingungen und Maßnahmen erarbeitet und kulturell bedeutsame Kunst sammelt, um unsere Kultur weiter zu entwickeln.
Der Schlussabschnitt der „Zukunftsvision“
Der Schlussabschnitt der „Zukunftsvision“ befasst sich mit der institutionellen und politischen Arbeit innerhalb der arabischen Gesellschaft und deren Beziehungen zur internationalen Gemeinschaft. Er macht Vorschläge dazu, wie in Zukunft nationale Institutionen in Israel intern organisiert und entwickelt werden sollten; zugleich wird die Rolle dieser Institutionen in Israel und deren Beziehungen zu den verschiedenen staatlichen Institutionen verdeutlicht. Die wichtigsten Herausforderungen, die diskutiert und entschiedenen werden müssen, beziehen sich auf die Rolle des „Supreme Arab Follow-up Committee“, die Rolle der kommunalen Initiativen und Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs), die Rolle der Privatwirtschaft und der politischen Institutionen. Es wird davon ausgegangen, dass bessere interne Organisation unseren Status im Staat (Israel) verbessern und zugleich unsere gemeinsame Vision stärken wird, die noch im Werden ist.
Darüber hinaus betont die „Zukunftsvision“, wie wichtig es ist, mit anderen Ländern und internationalen Organisationen Beziehungen und gemeinsame Aktivitäten zu entwickeln, einschließlich jüdischer Organisationen; wir wissen um die Bedeutung internationaler Anerkennung der nationalen, kulturellen, ökonomischen und sozialen Bedürfnisse der arabischen Gesellschaft in Israel.
Reaktionen
Die Veröffentlichung der „Zukunftsvision“ erhielt ein starkes Echo sowohl aus der arabischen wie der jüdischen Gesellschaft. Ein großer Teil des Feedbacks aus den jüdisch-israelischen Medien konzentrierte sich auf den ersten Abschnitt, der sich mit der Gründung des Staates (Israel) und seiner Institutionen befasst, mit unserem Anspruch, bei den nationalen Symbolen berücksichtigt zu werden, und mit unseren Forderungen nach Selbstverwaltung in bestimmten – oben beschriebenen – zentralen Bereichen. Manche bezeichneten uns als „Separatisten“, andere beschuldigten uns, einen (arabischen) Staat im Staat Israel errichten zu wollen. Doch trotz solcher Stimmen brachte das Dokument einen gesunden Dialog zwischen einigen Gruppen von arabischen und jüdischen Intellektuellen in Gang, sowohl innerhalb als auch außerhalb Israels.
Als nächsten Schritt unserer „Zukunftsvision“ möchten wir das Dokument weiterentwickeln zu acht „Aktionsplänen“, welche die einzelnen in der „Zukunftsvision“ behandelten Lebensbereiche abdecken. Die Aktionspläne werden Entscheidungsträgern im Parlament und der Regierung zugeleitet werden.
Fazit:
Zusammenfassend möchte ich sagen: Die „Zukunftsvision“ bildet ein höchst bedeutsames ideologisches Rahmenwerk für die Palästinenser in Israel. Es stellt die palästinensischen Forderungen nach Selbstverwaltung und Anerkennung ihres juristischen Status’ als nationale Minderheit mit gleichen individuellen und kollektiven Rechten dar, deren Basis die volle Staatsangehörigkeit bildet.
Wichtigstes Anliegen der „Zukunftsvision“ ist es, in einen Dialog zwischen den beiden nationalen Gruppen in Israel einzutreten und hierdurch eine (positive) Veränderung für die Palästinenser in Israel zu erreichen; dies kann durch eine Veränderung der israelischen Regierungspolitik, durch einen Wandel in den Massenmedien und eine Verbesserung der Haltung der Öffentlichkeit gegenüber den Palästinensern geschehen.
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Was haben NSh/WaS und die „Zukunftsvision“ miteinander zu tun?
Nun möchte ich zum letzten Teil meines Vortrags kommen, NSh/WaS und die „Zukunftsvision“. Ich wohne seit fast 18 Jahren in NSh/WaS. Unser Dorf wurde 1970 gegründet. Ursprünglich war es eine Initiative eines Priesters, der glaubte, dass die Angehörigen der drei monotheistischen Religionen ihre Meinungsverschiedenheiten beilegen und friedlich zusammen leben können. Angesichts des israelisch-palästinensischen Konfliktes wurde unser Dorf zu einer eher politisch als religiös orientierten Gemeinschaft. Das Dorf – welches gemeinsam von jüdischen und palästinensischen Bürgern Israels gegründet wurde – ist fest in dem Grundsatz der Gleichberechtigung und des gegenseitigen Verständnisses zwischen den beiden Völkern verwurzelt. Als eine solche auf gegenseitiger Akzeptanz, wechselseitigem Respekt und Zusammenarbeit gegründete Gemeinde demonstriert NSh/WaS die tatsächliche Möglichkeit partnerschaftlicher Koexistenz von Juden und Palästinensern. Etwa 55 Familien leben heute miteinander in diesem Dorf und unsere Wirkung nach außen besteht primär in unseren Bildungsaktivitäten in der Friedenserziehung, sowie in der Beteiligung an politischen Friedenskoalitionen.
Meines Erachtens kann NSh/WaS ein praktisches Modell der Zukunftsvision sein, nicht nur für die arabische Bevölkerung sondern für beide Seiten, die arabische und die jüdische Gemeinschaft in Israel. Diese Einschätzung möchte ich kurz begründen:
1. In NSh/WaS erkennen beide nationalen Gruppen die Existenz der jeweils anderen (nationalen Gruppe) an, und es gibt ein wechselseitiges Verständnis für die jeweils andere Sichtweise und Erfahrung der Geschichte. 2. Der organisatorische und institutionelle Aufbau unserer Gemeinde beruht auf tatsächlicher Gleichberechtigung und der Schaffung von Chancengleichheit zwischen beiden nationalen Gruppen. 3. Wir verfügen über ein binationales, zweisprachiges Erziehungssystem im Dorf, welches auf gegenseitigem Respekt von Beginn an aufgebaut ist. Unsere Friedensschule verschafft Gruppen von jungen Leuten und Erwachsenen die Möglichkeit, einander kennen zu lernen und ihre jeweiligen Meinungen zu erkunden und zu diskutieren. 4. Indem wir danach streben, eine „neue Gesellschaft“ mit beiden nationalen Gruppen aufzubauen, lernen beide Seiten die jeweils andere Kultur und ihre Traditionen kennen und wertschätzen. Diese gemeinsame Erfahrung erzeugt ein Zusammengehörigkeitsgefühl und führt zur Integration beider Gruppen in die Gemeinde. 5. Wir verfügen über ein System demokratischer Entscheidungsfindungen, in dem alle die gleichen Chancen haben, auf Entscheidungen für verschiedene Lebensbereiche Einfluss zu nehmen. NSh/WaS wird von einem auf jeweils ein Jahr gewählten Gemeindekomitee unter dem Vorsitz eines „secretary general“ regiert. Politische Fragen, die Aufnahme neuer Mitglieder, die Verabschiedung des jährlichen Haushalts etc. werden in Versammlungen der Dorfmitglieder abschließend beraten und entschieden. Ich hoffe, dass wir in Zukunft die Gleichberechtigung der Geschlechter noch stärker berücksichtigen werden.
Wenn wir all diese Punkte betrachten, so können wir meines Erachtens sagen, dass NSh/WaS ein Modell für optimale Beziehungen zwischen der arabischen Minderheit und der jüdischen Mehrheit sein kann. Unsere langjährige Erfahrung des Zusammenlebens beweist, dass die „Zukunftsvision“ tatsächlich Wirklichkeit werden kann.
Ich wünsche mir sehr, dass die „Zukunftsvision der palästinensischen Araber in Israel“ ebenso wie unsere Erfahrungen hier im Dorf bei der Umstrukturierung der Beziehungen zwischen dem palästinensischen und dem jüdischen Volk und bei der Entwicklung eines echten Dialogs ein Quelle der Inspiration sein werden, und dass dies zu Frieden und Versöhnung beitragen wird, in Israel und darüber hinaus.
Beenden möchte ich meinen Vortrag mit der Bemerkung, dass die Europäische Gemeinschaft eine ausgesprochen positive Rolle in unserer Region spielen kann. Die Europäer haben über all die Jahre palästinensisch-jüdischer Beziehungen eine einflussreiche Rolle gespielt. Und ich glaube, dass Sie/sie sich in Zukunft noch stärker und nachhaltiger engagieren können; ein solches Engagement kann entscheidend zu Frieden und Gerechtigkeit in unserer Region beitragen.
Herzlichen Dank für Ihr Interesse!
©Übersetzung aus dem Englischen: Ulla Philipps-Heck
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Vom diAk herausgegebene Vierteljahresschrift

Die kleine Geschichte des israelisch-palästinensichen Konfliktes
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